Elke Krystufek

The Rich Visit the Poor The Poor Visit the Rich

30. Juni 2004 — 4. September 2004

Elke Krystufek, The Rich Visit the Poor The Poor Visit the Rich, Collage, 2004, Bild: Marlboro-Werbung 1995; Jimmie Durham: Selfporträt 1987; Elke Krystufek: Handrock 2003; Zitat: Jimmie Durham, "A Certain Lack of Coherence", Kala Press, London 1993., Foto/Copyright: Elke KrystufekDownload 300dpi

Elke Krystufek, The Rich Visit the Poor The Poor Visit the Rich, Performance "The Naked Conference" von Elke Krystufek und Sands Murray-Wassink, in der BAWAG FOUNDATION, 30. Juni 2004, Foto: Hedwig Krystufek, © Elke KrystufekDownload 300dpi

Elke Krystufek, The Rich Visit the Poor The Poor Visit the Rich, Collage, 2004, Bild: Elke Krystufek mit Kosmetikwerbung 2003; Zitat: Susan Sontag, "Regarding the Pain of the Others", Farrar, Straus and Giroux, New York 2003., Foto/Copyright: Elke KrystufekDownload 300dpi

Elke Krystufek, The Rich Visit the Poor The Poor Visit the Rich, Collage, 2004, Bild: Hintergrund: Details von Foliencollagebildern von Gerwald Rockenschaub, 2000; Vordergrund: Annie Sprinkle und Elke Krystufek bei der Vorbereitung des gemeinsamen Projekts "Tit Prints" im Rahmen des Annie-Sprinkle-Gesprächs in der Kunsthalle Wien, 2003., Foto/Copyright: Elke KrystufekDownload 300dpi

Elke Krystufek, The Rich Visit the Poor The Poor Visit the Rich, Collage, 2004, Bild: Hintergrund: Elke Krystufek, "Neue Nationalgalerie Berlin bei Nacht", 2003; Vordergrund links: Elke Krystufek mit Gerwald-Rockenschaub-Objekt, 2003; Vordergrund rechts: Marina Abramovic, "Thomas Lips", 1975; Zitat: Paul Virilio, Sylvère Lotringer, "Crepuscular Dawn", Semiotext(e) Foreign Agents Series, New York, Los Angeles 2002., Foto/Copyright: Elke KrystufekDownload 300dpi

Buchpräsentation und Performance “The Naked Conference”
Mittwoch, 30. Juni 2004, 19.00 Uhr

Das Leben ist voller Ungerechtigkeiten, und auch die Kunst ist nicht fair. Gelassen konstatiert Elke Krystufek diesen bedauerlichen Umstand. Ungerührt demonstriert sie, wie gesellschaftliche Kontraste und ökonomische Polaritäten die Sinne beleben.

Den Anstoß zur Ausstellung The Rich Visit the Poor, the Poor Visit the Rich - Part 2 gab das gleichnamige Künstlerbuch, das Krystufek für die BAWAG FOUNDATION EDITION produziert hat. Mit dieser Publikation wendet die notorische Selbstbeobachterin den Blick vom eigenen Spiegelbild ab. Hauptdarsteller sind jene Usual Suspects, die in Krystufeks Bio/Biblio aufscheinen und an ihrer "Mein Leben ist mein Kunstwerk"-Übereinkunft teilhaben. KünstlerInnen, GaleristInnen, SammlerInnen, KuratorInnen, die ganze verschworene Kunstbetriebsyakuza inszeniert Krystufek vor dem Hintergrund von Slums und Palästen, in schicken Salons und trashigen Saloons, in rosaroten Cadillacs, Designerstühlen und Edelstahlbadewannen, auf Müllhalden, in Supermärkten, vor Graffitiwänden.

Das Gerüst der 115 Collagen - eine Technik, die Elke Krystufek virtuos handhabt - ist ein pointenreiches Bezugssystem von Fotos, Zeichnungen, Zeitschriften-Cutouts und Text. Zu den Themen Macht und Gesellschaft, Armut und Reichtum, zur Wirkungsmächtigkeit und zur Vergeblichkeit der Kunst liefert Krystufek ein detailreiches Konvolut visueller Kettenreaktionen. Die kulturelle Bedeutung der Werbung fusioniert mit den Manipulationen kommerzieller Privatinteressen. Die Diskrepanzen zwischen Normen und Wertestandards des Kapitalismus und jenen minoritärer oder devianter Gruppen vermisst Krystufek mit der Emphase einer Künstlerin, die über die Wirkung von Bildern auf Rezipienten Bescheid weiß.

Den zunächst regellos durcheinander gewürfelt erscheinenden Images liegt ein diszipliniertes System zugrunde. Krystufeks Ordnung ist individuell und selektiv, und doch liefert sie allgemein gültige Analysestandards. Eine Hypothese etwa lautet:

Basismaterie aller (Lebens-)Erfahrung ist die Kunst. Olafur Eliassons "Weather Project" in der Tate Modern, ein Schüttbild von Hermann Nitsch, eine Folienarbeit von Gerwald Rockenschaub, Bilder von Maria Lassnig, Fotografien von Valie Export; PerformerInnen in Aktion: Katrina Daschner als Vampir, Uros Djuric im Fußballerdress, Krystufek selbst als schwarzer Ritter in "Two Blacks don´t make a White" 2001 in der Generali Foundation; Mark Dion im Schilf, Andrea Fraser als brasilianische Karnevalstänzerin, Vito Acconci in einer Ausstellung von Gerhard Merz, Elizabeth Peyton in einem T-Shirt, auf dem "run" steht - eine von unzähligen subtilen Anspielungen.

Sind die Personen der Handlung konkret - das eingesetzte Material stammt aus Krystufeks unergründlichem Fotofundus -, so ist der Kontext, in dem sie erscheinen, frei erfunden. Es wäre allerdings nicht Elke Krystufek, wären die "Ähnlichkeiten" zufällig. Die Environments der Protagonisten findet sie auf dem gängigen Zeitschriftenmarkt, und sie reichen von Kunstmagazinen über Design- und Architekturhochglanz zu den Werbeseiten von Modezeitungen und - Höhepunkt des Zynismus - Bennetons Selbstvermarktungspostille "Colors´", aus der die krassesten visuellen Schocker stammen.

Und so steht Architektin Zaha Hadid vor einer genial zusammengebastelten Bretterbude, auf die sie neidisch sein müsste, sitzt Edelgalerist Thaddäus Ropac im Bilderrahmen - dezent auf die Schaufel genommen, framed, steht Sammler Anton Schmölzer mit der Spiegelreflexkamera im Abfallhaufen des Slums von Baraccopoli, hat Galeristin Lisa Spellman soeben ihr Auto in die Luft gejagt und begibt sich barfuß aus der Gefahrenzone. Und dann wird assoziiert, was das Zeug hält, gnadenlos und witzig: Maria Lassnig und Boris Grois stehen auf Silhouette-Brillen, Franz West und Edelbert Köb sind Nassrasierer, Maureen Paley eine Cherokee, Georg Kargl schwört auf Powernapping in Loungechairs von Joe Colombo, Christoph Becker hat ein Hodlerbild geklaut und möchte es in einem Sammelcontainer für Altkleider verstecken, Candice Breitz verwendet Clinique-Lippenstifte, die farblich zum blutüberströmten Leadsänger von "Satyricon" passen.

Akribisch listet Krystufek ihre Bildquellen im Index des Buches auf. Dort erschließt sich eifrigen Grundlagenforschern auch die komplexe Textebene des Buchs: Jede Collage ist randvoll mit eigenem Text, mit Zitaten und fragmentierten Passagen aus Kunsttheorie und Philosophie, mit flotten Sagern und banalen Werbesprüchen. Die Auswahl ist präzise darauf ausgerichtet, Krystufeks Argumente zu verstärken. Paul Virilio und Sylvère Lotringer prangern in "Crepuscular Dawn" genetische Selektion als neuen Rassismus an, Jimmie Durham, den Krystufek als Künstler und Aktivisten besonders schätzt, fragt sich in "A Certain Lack of Coherence", wieso es immer die angepasste Kunst ist, die den meisten Erfolg hat, und Luce Irigaray stellt in "The Way of Love" fest, dass es die Differenz zwischen den Menschen ist, die uns sensibilisiert für eine neue Ära globaler Interkommunikation.

Die Referenztexte setzt Krystufek als inhaltliche Knotenpunkte ein, die im dynamischen Tumult der Bilder einerseits für jene Haltungen stehen, die ihr wichtig sind, andererseits auf Paradoxien hinweisen, die sie ärgern: die Fiktionen, die der Zeitschriftenmarkt erzeugt, die Absurdität der Werbung als bilderzeugendes Medium, das die Position der RezipientInnen gleich mitkonstruiert, der ambivalente Umgang mit "politischer Kunst", der dazu führt, dass soziale Utopien gerade von Insidern des Kunstbetriebs zerstört werden, Kunst ohne Bruchstellen, verantwortungslose Repräsentation in einer Zeit, wo der Radical Chic eines subversiven Outfits allemal mehr zählt als jede kritische Strategie.

Die Transformation einer Ausstellung ins Buchformat ist eine gängige Praxis. Elke Krystufek versucht für die BAWAG FOUNDATION den umgekehrten Weg. Die Konventionen des Ausstellungsmachens verknüpft sie mit empirischer Analyse bzw. Interpretation und führt die räumliche Präsentation auf sammlerische und archivarische Verfahren zurück. Krystufek verfolgt eine Politik des Sichtbarmachens von Zusammenhängen; Vorgänge werden nachvollziehbar, die aus einer ungeordneten Materialakkumulation ein strukturiertes, durchkomponiertes und logisches (Druck-)Werk machen: recherchieren und dokumentieren, klassifizieren und entscheiden, ordnen und verwerfen, suchen und finden.

Deshalb liegt die verwendete Literatur ebenso in der Vitrine wie der Grundstoff Magazin, Zeitschrift und Gazette. Krystufek rückt mit der Schere an und schneidet in tröstlich analogem Verfahren das Zubehör für die Collagen aus. Und klebt es übereinander, in einer bedachten, hierarchielosen Verknüpfung von High und Low, von Anspruch und Trash. Und was so coffeetablebookmäßig cool daherkommt, ist im Endeffekt eine aufrichtige und wirksame Aktivität, um Wissen zu erzeugen, ein Versuch, Theorie abzubilden, ein Experiment, die herrschenden Ideologien im Kunstbetrieb und ihren sozialen Gehalt zu befunden.

Um Buch und Ausstellung zu verlinken, sind einmal aus den Druckvorlagen des Buchs 30 große Fototableaus entstanden.

Eine weitere Verklammerung stellt Elke Krystufek mit dem Video "Same Time, Next Year" her. Den globalen werden private Machtverhältnisse gegenübergestellt. Krystufek spielt beide Rollen des erfolgreichen Zweipersonenstücks "Same Time, Next Year" von Bernard Slade, das in den 70er Jahren den Broadway eroberte.
Die Komödie schildert die Auswirkungen eines 26-jährigen Ehebruchs auf ein Paar, das sich einmal im Jahr in einem Hotel trifft. Im Stück wie in Krystufeks Reinszenierung spielt der Faktor Zeit eine wesentliche Rolle. Die Protagonisten des Stücks durchleben verschiedene ökonomische Phasen, vom sozialen Aufstieg bis zu Karriereverlusten vor dem historischen Hintergrund der Hippiebewegung und des Vietnamkriegs. Im Video wird der konsekutive Zeitverlauf durch Zeit-Raum-Scheren aufgehoben, die sich aus der langen Produktionszeit an verschiedenen Orten ergaben.

Klassische Sex- und Genderdifferenzen hat sich Elke Krystufek immer schon mit lässiger Ironie
vorgenommen. Und so bleibt die Kategorie Körper auch in dieser Ausstellung nicht ganz ausgespart.

Zur Eröffnung der Ausstellung The Rich Visit the Poor, the Poor Visit the Rich - Part 2 in der BAWAG FOUNDATION am Dienstag, 29. Juni 2004, um 18.00 Uhr sprechen unter Anwesenheit von Elke Krystufek Dr. Friedrich Verzetnitsch, Präsident des ÖBG und Abg. z. NR und Prof. Dr. Robert Pfaller, Professor für Kulturwissenschaft an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung in Linz.

Am Mittwoch, den 30. Juni 2004, um 19.00 Uhr findet im Rahmen der Buchpräsentation in der BAWAG FOUNDATION die Performance The Naked Conference mit Elke Krystufek und Sands Murray-Wassink, Spezialist für feministische Kunst statt. (Text: Brigitte Huck)

Kuratorin
Dr. Brigitte Huck

Organisation
Dr. Christine Kintisch

Assistenz
Gabriela Gutmann

Technischer Aufbau
Werkstätte Zwölfergasse

Künstlerbuch
BAWAG FOUNDATION EDITION
Band 4

Elke Krystufek
The Rich Visit the Poor, the Poor Visit the Rich
Hg. von Christine Kintisch, BAWAG FOUNDATION
124 Seiten, 119 Abbildungen
Auflage: 800
ISBN 3-9501578-3-2
EURO 20,00

Presse
Christina Werner, w.hoch.2wei
Tel.: (+ 43/1) 524 96 46 DW 22
Fax: (+ 43/1) 524 96 32
E-Mail: werner@kunstnet.at

Informationen
Pressegespräch 28. Juni 2004, 10:30 Uhr
Eröffnung 29. Juni 2004, 18:00 Uhr
Ausstellungsort BAWAG FOUNDATION
1010 Wien, Tuchlauben 7a
Ausstellungsdauer 30. Juni 2004 — 4. September 2004
Öffnungszeiten Mo - Sa 10.00 Uhr - 18.00 Uhr, So geschlossen
Führungen Samstag um 15.00 Uhr
Begleitprogramm Mittwoch, laut Ankündigung
Eintritt frei Ausstellung und Begleitprogramm